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Es war im Jahre 2050.
Schon seit über 10 Jahren gab es keine Kirchen mehr. Nur noch in ein, zwei verlassenen Bergdörfern gab es noch vereinzelt Menschen, die das Unservater vom Hörensagen kannten und es manchmal auch beteten, aber ohne zu wissen, was sie vor sich hermurmelten, wenn sie z.B sagten:
G e h e i l i g t w e r d e d e i n N a m e . . .
In dieser Zeit lebte in Bern ein ungewöhnlicher Bauer...
Sein Hof stand mitten in der Stadt, dort wo früher das Bundeshaus stand. Dieser Bauer war der reichste Mann der Welt, obwohl er nur drei Kühe hatte.
Sie sahen aus, wie ganz normale wohlgenährte Kühe, aber es waren ganz besondere Kühe. Ihr Fell glänzte so sehr, dass man sich darin spiegeln konnte.
Aber das war nicht alles. Der Stall, in dem sie standen, war elektronisch überwacht und die Stalltüre war aus drei Meter dickem Stahlbeton, eine Tresortüre mit geheimem Code, den nur der Bauer allein kannte.
Und an der Türe ein Schild, mit der Aufschrift:
Vorsicht, heilige Kühe, kein Zutritt!
Die erste Kuh im Stall hiess D e m o k r a t i a. Sie war die einzige, die hin und wieder aus dem Stall herausdurfte. Es war die Vorzeigekuh.
Wenn der Bauer zum Markt ging, hat er sie immer mitgenommen, um sie den Menschen stolz zu präsentieren. Die Vorzeigekuh hat sich ausschliesslich von Sonnenblumen und umweltgerecht angebauten Biokräutern ernährt. Und wenn der Bauer mit ihr unterwegs war, dann war er immer sehr grosszügig und hat allen Bettlern auf der Strasse Banknoten zugesteckt... Und jeder durfte die Kuh streicheln.
Die anderen beiden Kühe hat nie ein Mensch zu sehen bekommen.
Die eine hiess K a p i t a l i a. Sie hat sich vorwiegend von frisch gemähten Banknoten ernährt. Am Sonntag durfte sie jeweils zur Feier des Tages zusätzlich ein ganzes Aktienpaket verschlingen. Und manchmal, wenn der Bauer sich wieder über einen Arbeitslosen oder einen Rentner geärgert hatte, von denen er glaubte, dass sie ihm nur ein unnützer Klotz am Bein seien, durfte Kapitalia einen solchen verspeisen. Sie war eigentlich die Lieblingskuh des Bauern. Er konnte sie melken, so oft er wollte und es nahm kein Ende.
Die dritte Kuh war ihm fast ebenso lieb. Sie hiess N a t i o n a l i a. Sie hat sich ausschliesslich von Inlandprodukten ernährt. Anfangs gab es immer Sonntags eine besondere Delikatesse:
Sie durfte einen illegalen Ausländer oder sonst einen Kriminellen verspeisen. Aber bald war die Kuh auf den Geschmack gekommen und wollte diese Delikatesse immer haben - und bekam sie auch.
So lebte der Bauer mit seinen drei Kühen jahrelang, bis etwas Unerwartetes geschah:
Kapitalia und Nationalia wurden eifersüchtig auf Demokratia. Sie wollten auch mit dem Bauern zum Markt gehen und die Menschen sehen. Aber der Bauer hatte Angst und so mussten sie immer im Stall bleiben.
Eines Morgens, als der Bauer in den Stall kam, es war gegen 11 Uhr, da hatten Nationalia und Kapitalia die Demokratia aufgefressen. Die Vorzeigekuh war tot...
Das hat den Bauern so erschüttert, dass er sich von da an ganz zurückgezogen hat. Er wurde immer kränker und hatte das Gefühl, dass er bald sterben müsse.
Da kam eines Nachts eine Fee zu ihm und sagte: „Du musst mir eine deiner beiden Kühe opfern, dann kannst du wieder gesund werden. Ich komme nächste Woche wieder, zur selben Zeit, überleg es dir gut...“
Der Bauer aber wurde noch trauriger und immer kränker. Er konnte sich nicht entscheiden, welche Kuh er opfern sollte. Beide waren ihm auf einmal gleich heilig.
Und als die Fee nach einer Woche wiederkam, fand sie den Bauern tot im Bett liegen. Und Kapitalia und Nationalia waren im Stall verhungert.
Aber selbst die Fee war überrascht, dass ein junges Kälblein munter durch den Stall rannte. Auch sie wusste nicht wo es herkam. Sie nahm es mit zu sich, zog es gross und gab ihm den Namen Menschenwürde.
Es war das Jahr 2050, als das geschah.
Und es hat sich schnell herumgesprochen, bis zu jenen Menschen in den verlassenen Bergdörfen, die noch immer das Unservater über ihre Lippen murmelten. Und sie fingen wieder an, sich zu fragen, was ihnen und den Menschen im Tal eigentlich heilig sei.
Otto Kuttler
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